Linear B · Kunst · Sprache · Zeugnisse

Die verborgene Schönheit
der Sprache.

Eine fortlaufende Lesung über die Begegnung einer vorgeschichtlichen griechischen Schrift mit lebendiger Poesie und der Hand des Künstlers.

Handschriftliche Studie zur Übertragung in Linear B von Nikos Samartzidis
TranskriptionsstudieArbeitsdokument
Die Lesung beginnen

01 / Künstlerstatement

Vom griechischen Klang
zur gemalten Gegenwart.

Der Künstler erinnert sich an die ersten Zeichen, die Entfernung zu Griechenland und die umgekehrte Reise, die moderne Poesie in Linear B führte.

Nikos Samartzidis · Februar 2003

„Hommage à Michael Ventris“ oder: „Die verborgene Schönheit der Sprache“

Als ich zum ersten Mal als Schüler im Gymnasium und auch später nach meinem Besuch im Museum von Heraklion die Tontafeln der „Linear B“- Schrift gesehen hatte, ahnte ich noch nicht, dass diese in Ton geritzten kleinen Symbole mich in eine bezaubernde Raum-Zeit-Reise mitnehmen würden. Eine Reise zu meinen Wurzeln, meiner Sprache und meinem Bewusstsein …

Zuerst musste ich eine Phase der Bewunderung für die chinesische Kalligraphie hinter mir lassen und… auswandern… Erst dann begannen die Zeichen langsam meine Aufmerksamkeit zu wecken. Sie traten vor meine Augen und brachten mich in Gedanken nach Hellas, in das „andere Hellas“, das Hellas des Dichters.

Sie lieben es anscheinend indirekte Wege zu gehen, wie auch bei ihrer Entzifferung durch den jungen englischen Architekten Michael Ventris um 1952-53, der ihnen ihren griechischen Klang zurückgab (offizielle Veröffentlichung von M.Ventris und J.Chadwick in „Journal of Hellenic Studies“ von ´53 und Vortrag von Ventris in London am 24.06.53). So vollenden wir heute 50 Jahre dieser meisterhaften Leistung, die die griechische Sprache um mehrere Jahrhunderte vor Homers Zeiten im ägäischen Raum verlängerte …

Beim Lesen der in Linear B geschriebenen Texte – und das ist ein sonderbares Erlebnis – fielen mir ganz spontan die Verse des Poeten ein : ,, Da habe ich angefangen , Worte diamanten-gleich zusammenzufassen, um mein geliebtes Land zu verdecken, so dass niemand dessen Schönheit sehe oder gar denken könne, dass es nicht existiert. “ (Odysseas Elytis : „ Der kleine Nautilus“, freie Übersetzung von mir).

Sofort danach kam mir der Gedanke: Wie würde wohl das Gegenteil sein? Ich weiß nicht, ob das schon existiert, aber ich versuche es hiermit: mit zitternder Hand versteht sich, da ich kein Philologe bin, und mögen mir die Fachleute verzeihen, nur der künstlerischen Freiheit wegen. Es gibt keinerlei literarische Texte in Linear B. Hier also mancheTranskriptionsversuche …

Neugriechische Gedichte in einer zeitlosen Kommunikationsreise in die Vergangenheit …
Worte ihren glänzenden Diamantschmuck tragend …
Anziehende Worte für ehrgeizige Liebhaber der Archäologie …
Auf der Suche nach dem verborgenen Schatz…

Vitim Kruglikov (†) · Dr. phil., Universität Moskau · Mai 2003

Renaissance der altgriechischen Silbenschrift „Linear B“

Die kalligraphische Malerei von Nikos Samartzidis entspringt – durch die Idee des “ kollektiven Gedächtnisses – dem Gedanken des „Kraftortes“ im Sinne der „Achsenzeit“ nach Jaspers… Gerade in solchen „ Achsenzeiten “ entstanden diese „Kraftorte“, die die magischen Magneten des menschlichen Fortschritts entwickelten. Einige davon pulsieren kraftvoll weiter, andere sind in Menschheitsgeschichte verwandelt, nachdem sie Spuren hinterlassen haben – Klumpen vulkanischen Magmas -, die in ihren heutigen Erscheinungen derart schimmern, dass sie die Handbewegungen des Künstlers diktieren…

Das unmittelbare Erlebnis erfährt der Künstler verwandelt durch die Dichtkunst von Kavafis, Seferis, Elytis und meißelt in Ekstase aus der Farbenpracht des poetischen Schatzes die Symbole der kretomykenischen „Linear B“ durch eine feierliche Ablehnung des „Wahrnehmbaren“ und der „Zeit“…

Wenn man sich mit den Fingern an diese „unverständlichen“ Symbole herantastet – die tanzenden Figuren ähneln – und ihre reliefartige Struktur streichelt, ist es möglich, dass man beim Betrachten der kompletten Fläche des Bildes überrascht wird, während man metaphysische Klänge von Bezeichnungen wie „Petalides“, „Einöde“, „Logos“, Kytissos“ oder gar „Lichtblätter“ im Ohr wahrnimmt …

Eine überzeugende Kunst, welche die intensiven Emotionen verrät, die im Zusammenhang mit Farbe und Licht des Mittelmeerraums entstehen und den Bezug zur archaischen, griechischen Welt widerspiegelt, in ihrer heutigen lebendigen Schrift und Sprache…

02 / Transkription

Ein Gedicht durchquert
drei Oberflächen.

Griechischer Text, Lautsilben und die handschriftliche Linear-B-Studie bleiben nebeneinander sichtbar.

Handschriftliche Übertragung in Linear-B-Zeichen
Handschriftliches Arbeitsdokument

Griechischer Originaltext

…”Απ την Τανάγρα με αργυρή λύρα
χρυσή στο χέρι ήλθε γλυκόφωνη, ξανθή,
η ομορφονιά Κορίννα…”

Γεώργιος Τερτσέτης: “Κορίννα και Πίνδαρος”

Übertragung in Silben

a-po te ta-na-ka-ra me a-ru-ku-re ru-ra
ku-ru-se to ke-ri e-re-te ku-ru-ko-qo-ne
ka-sa-ne-te e o-mo-qo-ni-a ko-ri-na
ke-o-ri-ki-o te-re-ze-te ko-ri-na-ka-i pi-da-ro

Deutsche Übertragung

„…Aus Tanagra,
mit einer silbern-goldenen Lyra in der Hand,
kam mit süßer Stimme, blond,
die junge, schöne Korinna…“

Georgios Tertsetis: „Korinna und Pindar“

03 / Ausgewählte Texte

Drei Stimmen hinter den Werken.

Die Poesie ist keine Bildunterschrift. Sie ist Material, das in die gemalte Oberfläche eingeht.

01

Poetry

Sperrholz

«…Κι έπιασα σιγα-σιγά να πλέκω λόγια σαν διαμαντικά να την καλύψω τη χώρα που αγαπούσα. Μην και κανείς ιδεί το κάλλος. Ή κι υποψιαστεί πως ίσως δεν υπάρχει…»
Οδ. Ελύτης: «Ο μικρός Ναυτίλος» / «ΜΥΡΙΣΑΙ ΤΟ ΑΡΙΣΤΟΝ, ΙΙ»
02

Ithaca

Leinwand

«…Η Ιθάκη σ’ έδωσε τ’ ωραίο ταξείδι.
Χωρίς αυτήν δεν θάβγαινες στον δρόμο.
Άλλα δεν έχει να σε δώσει πια…»
Κ. Καβάφης: «Ιθάκη»
03

SAPPHO

Leinwand

«…αυτάρ οραίαι στεφανηπλόκευν ποικίλεται μεν γαία πολυστέφανος…»

«…όταν στεφάνια πλέκουνε τριγύρω μου οι ωραίες κοπέλλες,

Κι η γη που τα στεφάνια θρέφει βρίθει από άνθη…»
Μετάφραση: Οδυσσέας Ελύτης

04 / Quellen

Quellen

Ausgewählte Forschungsliteratur zur langjährigen Auseinandersetzung des Künstlers mit Linear B.

Historische SammlungAlle 64 Textbeispiele ansehen

Bibliographie

  1. 01

    Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, Campus Verlag / Parkland, 1998.

  2. 02

    John Chadwick: The Decipherment of Linear B, Cambridge University Press / Canto, 2000.

  3. 03

    John Chadwick: Linear B and Related Scripts, University of California Press, 1997.

  4. 04

    J. T. Hooker: Linear B: An Introduction, Bristol Classical Press, 1980.

  5. 05

    Constantinus Siamakis: ALPHABETUM, Thessalonicae, MCMLXXVIII.

  6. 06

    Andrew Robinson: The Man who decipherd LINEAR B, the story of Michael Ventris, Thames & Hudson, 2002.

  7. 07

    Ernst Doblhofer: Die Entzifferung alter Schriften und Sprachen, Reclam, Leipzig, 2003.

  8. 08

    Gareth Owens: ΔΑΙΔΑΛΙΚΑ — Γραφές και Γλώσσες της Μινωικής και Μυκηναϊκής Κρήτης, Ηράκλειο, 1996.

  9. 09

    J. Chadwick, L. Godart, J. T. Killen, J. P. Olivier, A. Sacconi and I. A. Sakellarakis: Corpus of Mycenaean Inscriptions from Knossos, Cambridge University Press / Edizioni dell’Ateneo, Roma, 1986.

  10. 10

    Martin S. Ruiperez – Jose L. Melena: Los Griegos micenicos (Οι Μυκηναίοι Έλληνες), Ινστιτούτο του βιβλίου, Αθήνα, 1996.

  11. 11

    Thomas G. Palaima: The Scribes of Pylos, Edizioni dell’Ateneo, Roma, 1988.

Die bibliographische Zeichensetzung wurde für die Darstellung vereinheitlicht. Die historische Fassung bleibt in der ursprünglichen Bibliographie zugänglich.

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